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| Momentan leuchten die Augen nicht |
| Mittwoch, den 03. März 2010 um 10:05 Uhr |
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Quelle: Freies Wort vom 03.03.2010 Wenn Jean-Pierre Staelens über Volleyball spricht, dann leuchten seine Augen. Dann stellen seine Finger die Spielerinnen dar, die er auf der Tischplatte verschiebt und dabei Spielzüge erläutert. Nach einer Weile blickt er hoch. "Können Sie mir noch folgen?" Dann muss er selbst lachen. Und sagt: "Volleyball ist mein Leben. Verstehen Sie das?" Natürlich versteht man das. Wer Jean-Pierre Staelens zuhört, wird, sofern er es noch nicht war, selbst zum Volleyball-Fan. Das Faszinierende daran: Die Spielzüge, die Jean-Pierre Staelens zuvor noch auf dem Reißbrett skizziert hat, sind tatsächlich auf dem Spielfeld wiederzuerkennen. Auch für einen Laien. Im Moment könnte Jean-Pierre Staelens der glücklichste Mensch überhaupt sein. Vor wenigen Tagen hat er erfahren, dass seine jüngere Tochter Kim schwanger ist. Doch im Moment leuchten seine Augen nicht, sie sehen müde aus. "Ich grüble ständig, kann kaum noch schlafen", erzählt er. Anonyme Briefe Was ist passiert ? Der VfB Suhl hatte am Samstag vor einer Woche sang- und klanglos 0:3 gegen den USC Münster verloren. Während des Spiels hatte es Pfiffe und "Alle raus"-Rufe der Zuschauer gegen die Mannschaft gegeben. Doch dessen nicht genug: In der darauffolgenden Woche erreichten den VfB Suhl anonyme Briefe und E-Mails, die durchaus als bedrohend interpretiert werden können. Worte wie "Versager", "Arbeitsverweigerung" und sogar "Hass" stehen darin. Jean-Pierre Staelens hat diese Briefe gelesen, und sie haben ihn erschüttert. "Jeder hat das Recht, seine Meinung zu sagen. Aber solch eine Art der Kommunikation ist sehr schädlich. Die Absender dürften sich eigentlich nicht Fans nennen", sagte er. Die Schuld für Niederlagen nimmt der Belgier gerne auf sich, aber sich beleidigen lassen, das geht zu weit. Staelens: "Ich fühle mich persönlich für die Ergebnisse der Mannschaft verantwortlich, und ich habe auch keine Angst davor, Fehler zuzugeben. Ich stehe nach jedem Spiel bereit, gehe auf die Fans zu. Jeder kann mich etwas fragen, oder ich beantworte Fragen." Niemand verliert absichtlich, das zeigten auch nochmal die Reaktionen seiner Spielerinnen nach der Niederlage gegen Münster. Wie ein Häufchen Elend saßen sie in der Kabine. "Sie waren selbst mit sich unzufrieden, ja sogar beschämt über ihre Leistungen. Keine von ihnen hatte den Mut, sich selbst zu verteidigen", erzählt der Trainer. Am Dienstag darauf setzte sich die Mannschaft auf seine Initiative hin eine Stunde zusammen, arbeitete das Spiel gemeinsam auf, ohne den Trainer. "Sie hätten die Mannschaft danach im Training erleben sollen, alle haben sich wahnsinnig reingehangen", so Jean-Pierre Staelens. Doch bereits zuvor ist es ja noch schlimmer gekommen. Zu mehreren Münsterer Spielerinnen hatte Staelens schon engen Kontakt aufgenommen. Die Möglichkeit, dass sie in der kommenden Saison in Suhl spielen würden, war sehr groß. Aber nach den Reaktionen des Suhler Publikums passierte es. Jean-Pierre Staelens erzählt: "Zwei Minuten nach dem Spiel kamen sie auf mich zu und meinten: 'Das machen wir nicht. Tut uns leid'." Trainer hat schon viel bewegt Das Image des VfB Suhl ist in Volleyball-Deutschland nicht gerade das beste. Jean-Pierre Staelens will daran etwas ändern. "Wir können uns nicht immer damit herausreden, dass wir keine Universität in der Nähe haben. Diese Rahmenbedingungen können wir zwar nicht ändern. Wir können aber das Gesamtpaket VfB Suhl attraktiver machen, um Nationalspielerinnen hierher zu locken. Und daran arbeite ich", sagt er. Diese Pläne sieht er nun aber zerbröckeln, die Perspektiven, für die kommenden Jahre eine neue, schlagkräftige Truppe aufzubauen, die um die Meisterschaft mitspielt, schwinden. Staelens ernüchtert: "Ich habe sehr große Zweifel, ob ich hier in Suhl weitermachen kann." Natürlich hat sich seine Mannschaft gegen Münster nicht mit Ruhm bekleckert, die Hoffnung auf eine Meisterschaftsmedaille war dahin. Nun kam auch noch die Niederlage in Stuttgart hinzu, ebenfalls ein 0:3. Die Mannschaft steckt in einer Formkrise, aber wo gibt es das nicht ? Und nach dem 3:2-Sieg von Münster gegen Meister Schwerin erscheint die Suhler Niederlage in einem anderen Licht. "Vom Papier her sind sieben Mannschaften in der Bundesliga besser besetzt als wir", so Jean-Pierre Staelens. "Wenn wir sie alle schlagen würden, hätten wir jedes Mal einen neuen Weltrekord aufgestellt. Manche haben wir geschlagen, manche nicht. Ab und zu geht eben auch was schief." Seit Saisonbeginn ist Jean-Pierre Staelens in Suhl, hat seitdem viel bewegt. Seine Handschrift ist so deutlich zu sehen wie noch bei keinem Trainer des VfB zuvor. Noch nie - mit Ausnahme vielleicht der allerersten Saison in der Bundesliga, als in Suhl alles ein Selbstläufer war - folgte die Mannschaft ihrem Trainer so bedingungslos. Der 54-Jährige scheint ein Typ Trainer zu sein, den sich die Spielerinnen wünschen. Seine Pläne werden unmissverständlich umgesetzt, da gibt es kein Pardon. Das Training ist hart, aber nicht unmenschlich. Der Trainer ist fordernd, aber nicht unerbittlich. Die Mischung macht's. "Jean-Pierre setzt viel auf Psychologie und sorgt dafür, dass die Mannschaft auch außerhalb des Spielfeldes gemeinsame Erfahrungen macht", erzählt Grit Lehmann. Mit ihr führte Jean-Pierre Staelens ein ausführliches Gespräch, bevor er in Suhl unterschrieb. Da Grit Lehmann mehrere Jahre in Belgien spielte, können sich die beiden auf Flämisch unterhalten. "Die Teamabende, die jetzt organisiert werden, machen wirklich Spaß. Das gab es in dieser Form vorher nicht", sagt sie. Da wird gemeinsam gekocht, landestypisch natürlich - je nachdem, welche Spielerin an der Reihe ist. Sieben Nationen sind beim VfB vereint. Beim gemeinsamen Eisrafting auf der Rennrodelbahn in Oberhof kam dann auch gehörig Nervenkitzel auf. Und weil die Damen natürlich auch die weniger rasanten Seiten des Lebens mögen, hatte der Trainer zur letzten Einheit vor Weihnachten für jede einen Blumenstrauß dabei. Für jeden Spaß zu haben Er hat es geschafft, ein Gemeinschaftsgefühl in die Mannschaft zu bringen. Beim Pokal-Halbfinale am 30. Dezember 2009, als Suhl mit 3:1 bei den Roten Raben Vilsbiburg gewann, lachte auch der Gegner mit. Statt der üblichen "Finale, Finale"-Gesänge stimmten die Suhler Spielerinnen ein anderes Lied an. "Pyjama, Pyjama", schallte es durch die Vilstalhalle. Jean-Pierre Staelens ließ sich nicht lange bitten. Er zog den gepunkteten Schlafanzug - Modell "der letzte Versuch" - an und ging damit zur Pressekonferenz. Es war sein Wetteinsatz, falls seine Mannschaft gewinnen würde. Die Idee dazu war einen Tag zuvor entstanden. Nicht alle seiner Mädels fanden die Idee, bereits 24 Stunden vor dem Spiel nach Vilsbiburg zu reisen, toll. Um aber wirklich jede in der Mannschaft davon zu überzeugen, schlug der Trainer eine Pyjama-Party für den Abend im Hotel vor. Dort ging es schließlich so ausgelassen zu, dass die Wette geboren wurde. Birgit Thumm, die sich ganz vehement für die Übernachtung ausgesprochen hatte, half ihrem Trainer eigens in die Schlafanzughose. Auch sie musste feixen. Das Beispiel aber zeigt: Mit der Party und der daraus entstandenen Wette sorgte Jean-Pierre Staelens für einen extra Motivationsschub. Dass er die Wette einlöste und sich nicht lange bitten ließ, dürfte das Ansehen unter seinen Schützlingen noch weiter erhöht haben. Auch von den Vilsbiburger Zuschauern bekam er dafür Applaus. Mal sehen, was er sich für das Pokalfinale am Sonntag einfallen lässt. Die Unterstützung der Fans braucht er auf jeden Fall. |


























